Wenn aus Herausforderungen eine Stärke wird!
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Interview mit Sam Houblie,
Personal-Direktor bei Hornbach.
Von „Aus deem gëtt näischt, dee kann näischt, dee wees näischt“ bis hin zu einem innovativen Punktesystem für Mitarbeitende. Sam Houblies Weg zeigt, wie persönliche Erfahrungen berufliche Innovation prägen können. Schon als Kind musste er mit ADS, Dyslexie und später einer Autismus-Diagnose umgehen. Unterstützung gab es kaum. Dennoch ließ er sich nicht entmutigen, entwickelte eigene Strategien, meisterte Ausbildung und Meisterprüfung und studierte schließlich in Trier.
Heute arbeitet er als Personal-Direktor bei Hornbach, engagiert sich für Inklusion und hat ein Punktesystem entwickelt, das die Stärken von Menschen sichtbar macht und ihnen passende Arbeitsplätze zuweist. Sein Werdegang zeigt, wie aus persönlichen Herausforderungen Stärken entstehen und wie diese zu konkreten Erfolgen im Berufsleben führen können.
In diesen Artikel:
- Seit wann sind Sie Personal-Direktor bei Hornbach und wie war Ihr beruflicher Weg?
- Sie leben selbst mit einer Autismus-Spektrum-Störung, ADS und Dyslexie. Welche Auswirkungen hatte das auf Sie?
- Welche Barrieren haben Sie erlebt, beruflich und persönlich?
- Es gibt Studien, die sagen, dass neurodiverse Menschen oft unterbeschäftigt sind. Stimmen Sie zu?
- Welche positiven Auswirkungen hatten Ihre Diagnosen auf Ihr Berufsleben?
- Sie engagieren sich stark für Inklusion. Wie genau?
- Sie haben ein Punktesystem entwickelt, um Menschen mit besonderen Fähigkeiten besser einzusetzen. Wie funktioniert das?
- Können Sie Beispiele für die Umsetzung nennen?
- Welche Wirkung hat dieses System für und auf die Mitarbeitenden?
- Haben Sie überlegt, das System zu veröffentlichen?
- Was raten Sie Unternehmen, die noch Vorbehalte haben?
- Was möchten Sie den Lesern zum Abschluss mitgeben?
Seit wann sind Sie Personal-Direktor bei Hornbach und wie war Ihr beruflicher Weg?
Ich bin seit eineinhalb Jahren Personal-Direktor bei Hornbach.
Zuvor war ich drei Jahre Assistent der Geschäftsführung. Mein Weg war sehr vielfältig: Ich habe eine Metzger-Ausbildung gemacht, später in Frankfurt im Finanzsektor gearbeitet und danach in Landshut meine Meisterprüfung abgelegt. Anschließend habe ich in Trier meinen Betriebswirt gemacht und erfolgreich abgeschlossen.
Es war immer mein Wunsch, zu studieren, aber der Weg dahin war nicht leicht. Danach habe ich bei einer großen Bio-Kette in Luxemburg als stellvertretender Direktor für die Metzgereien gearbeitet, bevor ich zu Hornbach wechselte.
Sie leben selbst mit einer Autismus-Spektrum-Störung, ADS und Dyslexie. Welche Auswirkungen hatte das auf Sie?
Die Diagnosen haben mir erklärt, warum ich Gefühle schwer zeigen kann. Aber ich habe sie und drücke sie auf meine Weise aus.
Ich war zwar nie ein stark empathischer Mensch, aber habe dennoch Gefühle, empfinde Empathie oder Mitleid, auch wenn ich dies nicht immer ausdrücken oder zeigen kann. Im Beruf hilft mir das: In Verhandlungen habe ich oftmals ein Pokerface, bleibe ruhig und sachlich.
„Autismus sehe ich nicht als Problem, sondern als Stärke.“
Welche Barrieren haben Sie erlebt, beruflich und persönlich?
In der Schule war es mit ADS und Dyslexie sehr schwer, ich war erst sieben oder acht Jahre alt. Die Diagnose Autismus erhielt ich vor ein paar Jahren dazu. Anpassungen wie längere Prüfungszeiten gab es zu meiner Schulzeit nicht, erst als ich älter war, bekam ich während der Meisterprüfung mehr Zeit. Früh wurde mir signalisiert: „Aus deem gëtt näischt, dee kann näischt, dee wees näischt“. Solche Worte waren verletzend, haben mich aber auch angespornt. Ich musste mir eigene Strategien aneignen: Beim Lesen habe ich zum Beispiel andere Wege gefunden, mitzuhalten, obwohl ich es nicht konnte. Später habe ich den Umweg über die Meisterprüfung genommen, um doch an die Universität zu gelangen. Diese Erfahrungen haben mich geprägt: Ich habe gelernt, dass man sich nicht unterkriegen lassen darf. Statt Probleme nur zu sehen, habe ich immer nach Lösungen gesucht. Heute ist genau diese Fähigkeit eine meiner größten Stärken, sie macht mich widerstandsfähig und hilft mir als Führungskraft.
Es gibt Studien1, die sagen, dass neurodiverse Menschen oft unterbeschäftigt sind. Stimmen Sie zu?
Ja, das stimmt. Auch ich wurde lange unterschätzt, obwohl ich oft mehr konnte, als man mir zutraute. Viele Potenziale bleiben so ungenutzt. Wenn mich ein Thema interessiert, arbeite ich mich sehr tief ein. Manchmal bleibe ich stundenlang im Büro, bis alles fertig ist. Ich habe beispielsweise nebenberuflich zusätzliche Führerscheine für Bus und LKW gemacht, weil es mich immer genervt hat, dass die Kästchen im Führerschein leer waren. Ebenso habe ich mir aus Interesse Wissen in Compliance, Datenschutz und Personalführung angeeignet, das ich in meiner Arbeit anwende. Bei Hornbach gehen wir bewusst neue Wege in Ausbildung und Inklusion. Von unseren 200 Mitarbeitenden sind 22 Auszubildende, und 16 Personen arbeiten mit Beeinträchtigungen. Für mich ist klar: Neurodiversität ist tatsächlich ein Wettbewerbsvorteil, wenn man die Stärken erkennt und Menschen nicht auf ihre Defizite reduziert.
Welche positiven Auswirkungen hatten Ihre Diagnosen auf Ihr Berufsleben?
Ich spreche nicht gerne von „besonderen Bedürfnissen“, sondern von „besonderen Fähigkeiten“. Denn genau sie haben mich im Beruf weitergebracht.
Durch meine direkte und klare Art wissen die Menschen immer, woran sie bei mir sind. Das schafft Klarheit und Sicherheit. Außerdem habe ich gelernt, Verantwortung zu übernehmen: Wenn Fehler passieren, stehe ich dafür gerade. Diese Haltung hat mir Respekt eingebracht.
Gleichzeitig habe ich eine andere Sichtweise auf viele Themen.
Ich finde oft ungewöhnliche, aber gute Lösungen. Das hilft mir besonders in Projekten oder Verhandlungen. Ich glaube fest daran, dass Einschränkungen und Stärken zwei Seiten derselben Medaille sind.
So wie manche Menschen im Autismus-Spektrum in der IT oder Autoindustrie wertvolle Beiträge leisten, habe auch ich meine Eigenschaften zu einer Stärke gemacht.
Sie engagieren sich stark für Inklusion. Wie genau?
Ich bin in Verbänden und Initiativen aktiv. Ich habe Kampagnen und TV-Reportagen begleitet und setze mich politisch dafür ein, dass Menschen mit Beeinträchtigungen bessere Chancen bekommen.
Außerdem arbeite ich in Prüfungsausschüssen und im Handelsverband mit. Ehrlich gesagt lebe ich für diese Aufgabe, es ist für mich eine Herzensangelegenheit. Mein Ziel ist es, dass es Menschen leichter im Leben und Beruf haben sollen als ich. Wenn mir das nur für ein paar Menschen gelingt, macht mich das glücklich!
Sie haben ein Punktesystem entwickelt, um Menschen mit besonderen Fähigkeiten besser einzusetzen. Wie funktioniert das?
Die Idee ist: Nicht der Mensch muss sich an den Arbeitsplatz anpassen, sondern wir suchen den passenden Arbeitsplatz für den Menschen.
Dafür habe ich ein Punkteschema entwickelt. Kriterien sind zum Beispiel:
- Mobilität
- Pausenregelung
- Schichtzeiten
- Sitzen oder Stehen über längere Zeit
- kognitive Fähigkeiten
- Kommunikationsbereitschaft
- Sprachkenntnisse
Jeder Bereich bekommt Punkte. Diese vergleichen wir mit dem Profil des Bewerbers. Je kleiner die Abweichung, desto besser passt der Arbeitsplatz.
Können Sie Beispiele für die Umsetzung nennen?
Ja. Folgende Beispiele zeigen den positiven Unterschied in der Umsetzung:
- Pausen: In der Logistik sind flexible Pausen einfacher möglich. Im Gartenbau dagegen ist das schwieriger, weil Tiere oder Pflanzen regelmäßig versorgt werden müssen und die Arbeit nicht beliebig unterbrochen werden kann. Wer also flexible Pausen braucht, passt besser in die Logistik.
- Soziale Interaktion: Manche Menschen, z. B. Autisten, arbeiten lieber ohne Kundenkontakt. Dann finden wir Aufgaben im Backoffice oder in der Logistik.
- Büroarbeit: Wer gern allein arbeitet, sitzt nicht am Empfang, sondern wird im Hintergrund eingesetzt. Wer den Austausch liebt, passt besser in den Kundenservice.
So konnten wir schon viele Mitarbeitende erfolgreich einarbeiten. Das System ist zwar noch nicht wissenschaftlich geprüft, aber die Erfahrungen zeigen, dass es funktioniert. Mein Wunsch wäre, es einmal mit Universitäten oder Ministerien weiterzuentwickeln.

Welche Wirkung hat dieses System für und auf die Mitarbeitenden?
Das Punktesystem gibt allen Beteiligten Klarheit: Die Mitarbeitenden wissen, was auf sie zukommt, die Kolleginnen und Kollegen können sich besser einstellen und der Betrieb erkennt früh, was möglich ist und wo die Grenzen liegen.
Dadurch werden Überforderungen vermieden. Niemand wird in eine unpassende Rolle gedrängt. Stattdessen rücken die Stärken in den Mittelpunkt. Viele erleben so zum ersten Mal positive Erfahrungen
im Job.
Es sorgt für Fairness, Schutz vor Überforderung und letztlich für eine höhere Zufriedenheit im Arbeitsalltag. Besonders für Menschen mit Einschränkungen ist das wichtig, denn ihre besonderen Fähigkeiten werden nicht übersehen, sondern gezielt genutzt.
Haben Sie überlegt, das System zu veröffentlichen?
Ja, sehr gerne. Für die Praxis wäre zunächst ein Flyer oder ein kurzes Video sinnvoll. Ein Buch könnte zu einem späteren Zeitpunkt zusätzlich die wissenschaftliche und fachliche Ebene abdecken.
Was raten Sie Unternehmen, die noch Vorbehalte haben?
Ich rate: Seien Sie offen und schaffen Sie Chancen für alle. Viele Unternehmen suchen Fachkräfte und Menschen mit besonderen Fähigkeiten bringen oft Loyalität und viel Wissen mit. Der Staat unterstützt Unternehmen zudem finanziell. Langfristig lohnt sich das für beide Seiten.
Was möchten Sie den Lesern zum Abschluss mitgeben?
Ich würde den Lesern und vor allem Menschen mit besonderen Fähigkeiten mit auf den Weg geben, an sich selbst zu glauben und selbstbewusst zu sein.
Man sollte seine Vorstellungen klar äußern, sei es beim Gehalt oder bei den Arbeitsbedingungen. Lasst euch nicht unter Wert behandeln.
Zudem ist es wichtig, sich nicht von Hindernissen entmutigen zu lassen. Wer seine Fähigkeiten kennt, kann viel erreichen.
Ein praktischer Tipp: Seid gut vorbereitet, bringt euch aktiv ein und nutzt Chancen. Das stärkt das Selbstvertrauen und die Position im Beruf.
Wir danken Sam Houblie für das offene und inspirierende Gespräch!
