In Luxemburg macht die Sonnenblume auf unsichtbare Beeinträchtigungen aufmerksam

9–13 Minuten
„Hidden Disabilities Sunflower“-Set mit grünen Sonnenblumen‑Lanyards
Hidden Disabilities Sunflower © Info-Handicap

Seit einigen Monaten befindet sich eine kleine Sonnenblume auf grünen Armbändern, Ansteckern oder auch Schlüsselbändern, die manche Personen in Luxemburg tragen.

In diesen Artikel:

Was bedeutet das?

Dieses dezente und leicht erkennbare Motiv, das insbesondere im Rahmen des Programms „Hidden Disabilities Sunflower” verwendet wird, ermöglicht es den betroffenen Personen, auf ihre besonderen Bedürfnisse hinzuweisen, ohne ihre Situation im Detail erklären zu müssen.
Die Sonnenblume wurde nicht zufällig ausgewählt. Sie steht für Licht, Energie und Optimismus. Sie symbolisiert auch Unterstützung und Offenheit. Es ist ein einfaches und positives Symbol, das jedem Respekt entgegenbringt.

Unsichtbare Beeinträchtigungen
und die Sonnenblume

Unsichtbare Beeinträchtigungen können verschiedene Formen annehmen: Gedächtnisstörungen, Schmerzen, sensorische Probleme oder psychische Erkrankungen. Oft verstehen andere diese Beeinträchtigungen nicht, da sie nicht sichtbar sind.

In Europa lebt jeder Sechste mit einer sichtbaren oder unsichtbaren Beeinträchtigung (Europäische Kommission, 2023). Laut einer von EURODIS im Jahr 2024 durchgeführten Umfrage leben von den 30 Millionen Menschen mit seltenen Krankheiten in Europa acht von zehn mit einer Beeinträchtigung, wobei die überwiegende Mehrheit unsichtbare Beeinträchtigungen hat. Unsichtbare Beeinträchtigungen machen schätzungsweise 80 % der Beeinträchtigungen in Europa aus.

Angesichts dieser Zahlen wurden Initiativen wie Hidden Disabilities Sunflower ins Leben gerufen. Sie bieten eine einfache Möglichkeit, um in der Öffentlichkeit zu zeigen, dass eine Person möglicherweise Hilfe, etwas mehr Zeit oder Verständnis benötigt.

Die Initiative wurde 2016 in Großbritannien ins Leben gerufen. Sie verwendet ein grünes Band mit einer Karte, auf dem Sonnenblumen abgebildet sind. Dieses Symbol zeigt an, dass die Person möglicherweise mehr Zeit, Hilfe oder Verständnis benötigt. Heute nehmen weltweit mehr als 300 Flughäfen an dem Programm teil, darunter auch lux-Airport.

Die Sonnenblume ist leicht zu erkennen und kann dazu beitragen, mehr Verständnis und Unterstützung für die Person zu schaffen, die sie trägt. Diese Initiative wird von engagierten Menschen unterstützt,
die sich täglich für eine inklusivere Gesellschaft einsetzen.

In Luxemburg setzen Menschen diese Idee in konkrete Maßnahmen um. Unter ihnen ist Jana Degrott, eine Unternehmerin, die Inklusion in den Mittelpunkt ihres Projekts stellt. Joanne Theisen, Beraterin und Kursleiterin, nutzt ihre eigenen Erfahrungen mit Autismus, um anderen zu helfen.

Die Sonnenblume ist also nicht nur ein Symbol, sondern ein Mittel, um die Gesellschaft zugänglicher und wohlwollender zu machen.

Wer ist Jana Degrott?

Halbseitiges Porträt von Jana Degrott, Unternehmerin für die Initiative „Hidden Disabilities Sunflower“ in Luxemburg, lächelnd
Jana Degrott © Kary Photography

Jana Degrott ist 30 Jahre alt. Inspiriert von Michelle Obama und ihren Erfahrungen mit ihrem autistischen Bruder möchte sie Luxemburg für alle zugänglich machen.

Zu diesem Zweck hat sie das Unternehmen Real Impact Hub (Sozialunternehmen – SIS) gegründet, das Organisationen dabei unterstützt, ihre Dienstleistungen, Räumlichkeiten und Aktivitäten für alle Menschen zugänglich zu machen. Das Unternehmen führt eine Untersuchung der Räumlichkeiten, Dienstleistungen und Aktivitäten durch, um festzustellen, ob sie für alle leicht nutzbar sind.

Jana Degrotts Ziel ist es, über die einfache Inklusion hinauszugehen und vollständige Barrierefreiheit zu erreichen. Das bedeutet, dass jeder, unabhängig von Alter, Herkunft, Beeinträchtigungen oder Bedürfnissen, teilnehmen und sich in der Gesellschaft zu Hause fühlen kann. Dies betrifft sichtbare und unsichtbare Beeinträchtigungen, neurotypische Menschen und Menschen in prekären Situationen.

Außerdem bietet Real Impact Hub Schulungen an, um die Bedeutung der Barrierefreiheit und des Respekts gegenüber Menschen mit sichtbaren oder unsichtbaren Beeinträchtigungen zu vermitteln.
Es befasst sich insbesondere mit kognitiver und sensorischer Barrierefreiheit, um neurotypischen Menschen und Menschen
mit unsichtbaren Beeinträchtigungen zu helfen.

Darüber hinaus organisiert Real Impact Hub Retreats für Führungskräfte und Unternehmer. Diese bieten die Möglichkeit,
neue Energie zu tanken und die Bedeutung von Barrierefreiheit
und Neurodiversität besser zu verstehen.

Wer ist Joanne Theisen?

Frontalporträt von Joanne Theisen, Beraterin und Trainerin für Autismus, lächelnd
Joanne Theisen © Gérard Kieffer

Joanne Theisen wurde im Alter von 26 Jahren mit Autismus diagnostiziert. Sie nutzt ihre persönlichen Erfahrungen, um
anderen zu helfen. Als Beraterin und Trainerin im Bereich Autismus, unterstützt sie beispielsweise mit lux-Airport.

Dank des Sunflower-Programms verbessert sie dort den Empfang von Menschen mit Autismus und Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen.

Im Januar 2025 gründete sie HASILUX, eine luxemburgische Plattform zum Thema Autismus und schulische Inklusion.
HASILUX ist auf Französisch, Deutsch und Englisch verfügbar.
Die Plattform bietet Ressourcen zum Lernen und Verstehen von Autismus, Erfahrungsberichte und Fachartikel sowie nützliche Kontakte für Familien und Fachleute.

Joanne Theisen unterstützt auch konkrete Initiativen wie die „ruhigen Stunden” in bestimmten Supermärkten. Diese ruhigen Momente helfen Menschen, die beim Einkaufen eine ruhige Umgebung bevorzugen.

Eine persönliche Geschichte, um andere besser begleiten zu können

Lange Zeit verstand Joanne Theisen nicht, warum sie oft Probleme hatte: Streitigkeiten, Missverständnisse, Misserfolge oder große Müdigkeit. Jahrelang suchte sie nach Antworten. Das war manchmal schwierig für sie und auch für die Menschen in ihrem Umfeld.

Mit der Zeit erhielt sie kleine Hilfestellungen, die es ihr ermöglichten, weiterzumachen. Diese Unterstützung war ein wichtiger Moment in ihrem Leben. Als sie erfuhr, dass sie autistisch ist, konnte sie von konkreten, relevanten und sehr nützlichen Informationen und Ressourcen profitieren. Das verschaffte ihr Erleichterung und Dankbarkeit. Sie wollte diese Erfahrung teilen: Es ist möglich, ein gutes Leben zu führen, und sie möchte dazu beitragen.

Zusätzlich zu dieser Unterstützung und ihrem Wissen wollte sie noch mehr lernen. Fachleute boten ihr an, an Diskussionen und Schulungen teilzunehmen, und sie nahm das Angebot an. Sie las viel, absolvierte Schulungen, traf Menschen und entdeckte zahlreiche Möglichkeiten. All das wollte sie mit anderen teilen.

Immer auf der Suche nach Qualität und Effizienz organisierte sie ihre Aktivitäten besser und erweiterte ihr Netzwerk. Heute ist sie glücklich, Teil einer kompetenten, engagierten und herzlichen Gruppe zu sein. Gemeinsam entwickeln sie Unterstützungslösungen für viele Menschen.

Im Rahmen der Einführung des Sunflower-Programms am lux-Airport leistet sie auch wichtige Arbeit und leitet Weiterbildungen, um die Bedürfnisse von Menschen mit Autismus zu erklären. Dies trägt dazu bei, Gewohnheiten zu ändern und die Barrierefreiheit und Inklusion zu verbessern.

Sonnenblumen helfen Reisenden: Inklusion nimmt ihren Lauf

Im Mai dieses Jahres schloss sich lux-Airport als erster Standort in Luxemburg dem internationalen Netzwerk Hidden Disabilities Sunflower an. Dieses Programm hilft Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen. Sie können diskret zeigen, dass sie Hilfe, etwas mehr Zeit oder Verständnisbenötigen, indem sie einfach ein grünes Band mit einem Sonnenblumenmotiv tragen.

Das Flughafenpersonal wurde speziell geschult, um dieses Symbol zu erkennen. So kann es respektvolle Unterstützung anbieten, ohne Erklärungen oder ärztliche Atteste zu verlangen. Dies ist ein wichtiger Fortschritt, um den Empfang an öffentlichen Orten menschlicher und zugänglicher zu gestalten.

Am lux-Airport wurde dieses Projekt dank des Engagements von Jana Degrott über Real Impact Hub ermöglicht. Sie leitete die Umsetzung des Programms und koordinierte die notwendigen Schritte, Schulungen und Hilfsmittel, um den Empfang an die Bedürfnisse der Passagiere anzupassen. Joanne Theisen, Beraterin und selbst von Autismus betroffen, brachte ihr Fachwissen ein. Sie schulte die Teams des Flughafens und erklärte ihnen die Realität neurodivergenter Menschen, wie z. B. sensorische oder kommunikative Schwierigkeiten. Sie schlug auch konkrete Strategien vor, um Stress zu reduzieren und das Reiseerlebnis zu verbessern.

Zwei „Hidden Disabilities Sunflower“-Lanyards in Grün und Weiß mit Abzeichen und Pins mit Sonnenblumen.
Lanyards, Pin und Armband Sunflower © Info-Handicap

Dank dieser Zusammenarbeit wird lux-Airport zu einem Vorreiter der Inklusion in Luxemburg und zu einem inspirierenden Vorbildfür andere öffentliche Einrichtungen.

Eine Blume, um die eigenen Bedürfnisse würdevoll zu zeigen

Hat das Sunflower-Programm auch Grenzen? Außerhalb der Partnerorte ist das Symbol weniger bekannt und kann unbemerkt bleiben. Einige der betroffenen Personen möchten das Blumenband weder im Alltag noch auf Reisen am lux-Airport. Manche trauen sich nicht.

Jana Degrott richtet folgende wohlwollende Botschaft an sie: „Ich verstehe Ihre Bedenken. Aber das Sunflower-Programm ist freiwillig und diskret. Es ist kein Stigma, mehr Zeit, Geduld oder Verständnis zu benötigen. Das Band ist am Informationsschalter im Terminal A kostenlos erhältlich, ohne dass eine Begründung erforderlich ist. Das Personal des lux-Airports – Sicherheitspersonal, Parkplatz- und Informationsmitarbeiter – wurde geschult, Menschen mit Einfühlungsvermögen und Respekt zu empfangen. Auch wenn Luxair kein Mitglied des Sunflower-Netzwerks ist, kennen sie die Initiative. Mit diesem Symbol können Sie Ihre Bedürfnisse diskret und ohne Erklärungen zeigen. Besondere Bedürfnisse sind Teil der menschlichen Vielfalt. Um Unterstützung zu bitten ist ein Akt des Mutes, keine Schwäche. Das Armband hilft Ihnen, entspannter zu reisen und gleichzeitig Ihre Würde zu bewahren.“

Manche Menschen befürchten möglicherweise, dass die Armbänder die Stigmatisierung unsichtbarer Beeinträchtigungen verstärken. Joanne Theisen, die selbst betroffen ist, glaubt das nicht. Menschen mit Autismus oder einer nicht sichtbaren Beeinträchtigung sind oft mit Vorurteilen und Ausgrenzung konfrontiert.
Sie erklärt, dass Unterstützungsmaßnahmen, wie zusätzliche Zeit bei Prüfungen, ein Einzelbüro, flexible Arbeitszeiten oder Sunflower-Armbänder – dazu beitragen, Chancengleichheit herzustellen. Wie Rollstühle, Brillen oder persönliche Assistenz ermöglichen sie eine uneingeschränkte Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Laut Joanne macht die kleine Sonnenblume „die Realitäten des Lebens verständlicher, sodass andere verstehen können, dass zusätzliche Belastungen bestehen und dass Maßnahmen wie Sunflower-Bänder helfen können. Indem wir inklusive Räume schaffen, machen wir das Leben für alle zugänglich”.

Was denken Fachleute darüber?

Fachleute, die in der Anwendung des Sunflower-Systems geschult sind, äußern sich positiv. Für sie erinnert das Band daran, dass jeder mit unsichtbaren Herausforderungen konfrontiert sein kann. Ihre Aufgabe ist es, aufmerksam zu bleiben und zuzuhören, ohne persönliche Fragen zu stellen. Das Programm ersetzt keine umfassende Barrierefreiheitspolitik, aber es hilft, Barrieren zu brechen und menschlichere und wohlwollendere Interaktionen zu schaffen.

Wenn die betroffenen Personen einen Schritt machen, indem sie das Band tragen, müssen sich auch die Unternehmen weiterentwickeln. Sie müssen ihren Umgang mit unsichtbaren Beeinträchtigungen anpassen, um ein integrativeres und respektvolleres Umfeld zu schaffen. Ein Schritt in Richtung Inklusion bedeutet, den betroffenen Personen eine wohlwollende Hand zu reichen.

Jana Degrott wendet sich an Unternehmen, die Sunflower noch nicht integriert haben: „Barrierefreiheit ist nicht nur eine soziale Verantwortung, sondern auch eine Chance, das Erlebnis aller Ihrer Kunden zu verbessern. Mit Real Impact Hub als lokalem Partner in Luxemburg profitieren alle von anerkanntem Fachwissen, das Programm in Ihrer Branche umzusetzen, ob im Transportwesen, im Handel, im Gastgewerbe oder im öffentlichen Dienst. Diese Initiative stellt eine minimale Investition dar, die jedoch erhebliche Auswirkungen auf die Barrierefreiheit hat. Mit dem Beitritt zur Sunflower-Bewegung zeigen man das Engagement für wirklich barrierefreie Dienstleistungen und Räume für alle. Es ist Zeit, sich
für eine barrierefreie Gesellschaft einzusetzen.“

Vielfalt säen, um Inklusion zu ernten

Die kleine Sonnenblume hat bereits dazu beigetragen, den Alltag von Menschen mit unsichtbaren Beeinträchtigungen zu verbessern, aber es bleibt noch viel zu tun für die Inklusion von Menschen mit Autismus und besonderen Bedürfnissen in Luxemburg.

Auch wenn einige bereits Anerkennung, Unterstützung und Verständnis erfahren haben, erhalten viele trotz dieser Initiativen noch immer keine Unterstützung. Sie haben nach wie vor Schwierigkeiten, ihren Platz zu finden. Manchmal leben sie mit Unklarheiten oder fühlen sich entmutigt und akzeptieren Schwierigkeiten, die verringert werden könnten. Mit mehr Unterstützung könnten sie eine bessere Lebensqualität und mehr Möglichkeiten zum Handeln und zur Teilhabe an der Gesellschaft haben.

Joanne meint dazu: „Die Medien können eine wichtige Rolle bei der Sensibilisierung der Gesellschaft spielen. Es ist auch notwendig, Kenntnisse über Autismus und Neurodiversität in die Ausbildung von Lehrern, Psychologen, Ärzten und anderen Gesundheitsfachkräften zu integrieren, vorzugsweise begleitet von direkten Begegnungen mit betroffenen Menschen. Das Schulsystem und seine Strukturen müssen kontinuierlich evaluiert und verbessert werden. Lehrer müssen besser unterstützt werden, und die Schulkultur muss inklusiver werden. Ausbildungs- und Arbeitsstätten sollten mehr Gelegenheiten für Begegnungen und gegenseitiges Kennenlernen bieten, um echtes Lernen und die tägliche Anwendung des „Zusammenlebens“ zu ermöglichen.“

Zum Schluss

Die Sonnenblume ist mehr als nur ein schönes Logo: Sie macht das Unsichtbare sichtbar und erinnert daran, wie wichtig Aufmerksamkeit und Inklusion sind. In Luxemburg blüht dieses kleine Symbol dank des Engagements von Jana Degrott, Joanne Theisen und wichtigen Akteuren wie Info-Handicap, im Alltag der betroffenen Menschen, auf. Es verbessert ihren Alltag, indem es die Gesellschaft für unsichtbare Beeinträchtigungen sensibilisiert. Es lädt uns alle dazu ein, Verständnis zu streuen wie Saatgut, barrierefreie Räume zu schaffen und Vielfalt zu pflegen, damit Inklusion zu einer konkreten und gemeinsamen Realität wird.

Wie wäre es, wenn diese „kleine Sonnenblume” auch in Ihrem Alltag Wurzeln schlagen würde?

Gut zu wissen

Info-Handicap-Conseil national des personnes handicapées ist seit dem 15. September 2025 Mitglied des internationalen Netzwerks Hidden Disabilities Sunflower.

Als Mitglied des Netzwerks Hidden Disabilities Sunflower stellt Info-Handicap allen Interessierten kostenlos ein Schlüsselbänd und eine Karte zur Verfügung.
Eine Anmeldung oder ein Nachweis sind nicht erforderlich.
Wenden Sie sich einfach an die Büros von Info-Handicap in der Avenue de la Gare 65 in Luxemburg, die montags bis freitags von 9:00 bis 12:00 Uhr und von 13:00 bis 16:00 Uhr geöffnet sind.

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