Sex ist eine Möglichkeit, Liebe zu kommunizieren

⚠️ Inhaltswarnung: In diesem Text geht es auch um Zwangssterilisation und sexuelle Gewalt.
Bitte lies den Text nur, wenn du dich damit wohlfühlst.

Marie-Paule Molitor-Peffer sitzt lachend in einem rosa Sessel. Sie trägt ein gemustertes Kleid und hält die Hände gefaltet.
Marie-Paule Molitor-Peffer
© Private Sammlung der Familie

Marie-Paule Molitor-Peffer und ihr Engagement für sexuelle Bildung

Geschrieben von Anne Schaaf, Historikerin

1929 – 1999
Lebensdaten

Ärztin
Gynäkologin

1981 – 1992
Vorsitzende des Planning familial

Lesezeit: 7-11 Minuten

Im Mittelpunkt dieses Textes steht Marie-Paule Molitor-Peffer. Die Luxemburgerin lebte von 1929 bis 1999. Sie war Ärztin. Gynäkologin um genau zu sein. Das heißt, sie kannte sich sehr gut mit den Körpern und der Gesundheit von Frauen aus. Wichtige Themen waren beispielsweise die Menstruation und die Schwangerschaft. Sie wusste außerdem viel über die Gesundheit von Männern und Kindern.

Für Marie-Paule Molitor-Peffer waren Themen, die mit dem Kopf, dem Körper und dem Herzen zu tun haben, von Bedeutung. Vor allem die Sexualität.

Sexualität hat nicht nur mit einem oder mehreren nackten Körpern zu tun. Zur Sexualität gehören auch Gefühle, Gedanken und Nähe. Für Marie-Paule Molitor-Peffer war klar: Jeder Mensch hat eine Sexualität. Egal, wo er herkommt und wie jung oder alt er ist. Und egal, wen er oder sie liebt. Sie wiederholte immer wieder, dass Sexualität nicht nur zu einem bestimmten Moment im Leben existiert. Sie sagte: Sexualität ist bei jedem Menschen von Geburt an da. Sexualität verändert sich nur im Laufe des Lebens.

Natürlich hat ein Baby von 9 Monaten eine andere Sexualität als ein 19-jähriger Mensch. Und die Sexualität von einem Menschen mit 49 Jahren ist anders als die von einer Person mit 99 Jahren. Aber alle haben eine Sexualität.

9 Monate

19 Jahre

49 Jahre

99 Jahre

Alle haben eine Sexualität.

Und das ist gut so, fand Marie-Paule Molitor-Peffer. Sie sagte immer: Alle Menschen haben ein Recht auf ihre Sexualität. Sie dürfen diese fühlen, zeigen und ausleben. Jeder darf seinen Körper kennen- und lieben lernen. Die einzige Regel ist: Du musst immer deine und die Grenzen anderer respektieren.

Sich zu informieren hilft gegen Angst

Sie wollte, dass Frauen und der Rest der Gesellschaft sich in ihrer Haut wohlfühlen können. Sie fand es sehr wichtig, dass Menschen etwas über ihren Körper und ihre Sexualität lernen. Das nennt man sexuelle Bildung. Ihre Einstellung lautete: Wenn man mehr weiß, dann hat man weniger Angst. Die Ärztin wollte Menschen Mut machen. Die Menschen sollten sich trauen, Fragen zu stellen und miteinander zu reden. Denn es ist gar nicht schlimm, wenn man nicht sofort alles weiß. Man sollte nur mutig und neugierig sein.

Wenn Menschen Fragen an sie hatten, beantwortete Marie-Paule Molitor-Peffer diese an verschiedenen Orten. Zum Beispiel in ihrem Ärztinnen-Zimmer im Planning Familial.Fußnote 1

Marie-Paule Molitor-Peffer schrieb auch Artikel für verschiedene Zeitungen. Sie benutzte unterschiedliche Sprachen, damit viele verschiedene Personen informiert werden konnten. Zudem war sie oft im luxemburgischen Radio zu hören. Dort sprach sie über gesellschaftliche Probleme und Lösungen.

Intoleranz hat keinen Platz

Ihr war sehr wichtig, dass Menschen sich gegenseitig respektieren. Die Ärztin erklärte zum Beispiel: Kinder dürfen Grenzen setzen. Erwachsenen dürfen Kinder nur küssen oder umarmen, wenn die Kleinen damit einverstanden sind. Auch Kinder dürfen „Stopp“ sagen.

Marie-Paule Molitor-Peffer war nicht froh, wenn Menschen nicht nett zueinander waren. Niemand sollte sagen: Du darfst keine Sexualität haben. Wenn jemand das trotzdem sagte, wurde die Ärztin sehr streng und antwortete:

Sie sagte das oft. Marie-Paule Molitor-Peffer lebte nämlich in einer Zeit, in der nicht alle Menschen in Luxemburg tolerant waren. Auch heute gibt es noch intolerante Menschen in Luxemburg. Damals war Sexualität aber noch ein Tabuthema. Das bedeutet: Viele Menschen trauten sich nicht über Sex zu reden. Manche trauten sich nicht einmal darüber nachzudenken. Und viele Menschen dachten, sie können anderen einfach vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben.

Respekt statt Mitleid

Die Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigungen war früher ein Tabuthema. Marie-Paule Molitor-Peffer wollte das ändern. Deswegen hat sie viel darüber geredet. Sie wollte Menschen zeigen, dass es gut ist, den Mund aufzumachen. Sie sagte:

Die Ärztin war der Überzeugung, dass es zu viele Barrieren in der Gesellschaft gibt. Ihrer Meinung nach waren die Barrieren in den Köpfen. Aber eben auch in der Realität. Die Ärztin wollte nicht, dass Menschen mit Beeinträchtigungen an den Rand der Gesellschaft geschubst werden. Sie sagte: „Sie sind unsere Mitbürger. Es ist unsere Aufgabe als Gesellschaft für sie Möglichkeiten zu schaffen, damit wir alle gemeinsam leben können.“

Sie betonte:

Die Sexualität von Menschen mit Beeinträchtigungen existiert und sie ist nicht anders. Aber die Gesellschaft macht es den Menschen schwer, ihre Sexualität zum Ausdruck zu bringen. Ihnen wird es teilweise erschwert, Partnerschaften einzugehen.

Sie fand, dass Menschen, die in einem Heim leben, ein Recht auf Privatsphäre haben sollten. Privatsphäre war laut ihr wichtig, um den eigenen Körper kennenzulernen. Beispielsweise durch Selbstbefriedigung. Oder um den Körper seines Partners kennenlernen zu können. Dieses Kennenlernen sollte nicht von anderen Menschen gestört werden.

„Manche Heime sind aber fast wie Klöster“ sagte sie. In Klöstern leben Menschen, die religiös sind. Diese Menschen haben wegen ihres Glaubens entschieden, niemals ihre Sexualität auszuleben. In Klöstern ist man isoliert von der Außenwelt. Laut Marie-Paule Molitor-Peffer führt der Mangel an Kontakt von Menschen mit Beeinträchtigungen aber zu Einsamkeit. Einsamkeit ist nicht gesund für Kopf und Körper. Außerdem hat Isolation nichts mit Inklusion zu tun.

Verhütung muss auf einer persönlichen Entscheidung basieren

Marie-Paule Molitor-Peffer lebte in einer Zeit, in der Menschen sehr viel über Verhütung stritten.

In den 1960er Jahren sagte der Papst: „Sex soll nur stattfinden, damit ein Baby entsteht. Verhütung ist also nicht okay.“ Damit war die Ärztin überhaupt nicht einverstanden. Sie liebte Babys. Paare sollten jedoch allein entscheiden können, ob sie ein Kind bekommen wollen, fand sie. Sie sagte:

Menschen dürfen auch verhüten und Sex haben, um sich ihre Liebe zu zeigen.

Noch viele Jahre nach der Zeit der Nazis wurden Menschen mit Beeinträchtigungen manchmal gezwungen, zu verhüten. Oder man gab ihnen ein Verhütungsmittel ohne sie darüber zu informieren. Das kritisierte die Ärztin sehr. Sie sagte, dass niemand das machen darf ohne das Einverständnis der betroffenen Person. Sie war also streng gegenüber den Eltern der Menschen mit Beeinträchtigungen. Sie war aber auch streng gegenüber anderen Ärztinnen und Ärzten sowie Betreuerinnen und Betreuern in Heimen. Für sie stand fest: „Man muss miteinander reden!“

Dein Körper gehört dir

Marie-Paule Molitor-Peffer hatte aber auch viel Verständnis für Menschen. Sie verstand, dass Eltern nicht immer gleich alle Lösungen parat haben. Deswegen begrüßte sie es, wenn diese Fragen stellten und sich bei unterschiedlichen Organisationen beraten ließen. Sie hat auch verstanden, dass man Menschen, die man liebt, beschützen möchte. Ihr war jedoch wichtig, dass Menschen mit Beeinträchtigungen auch autonom leben können. Autonomie bedeutet, dass ein Mensch selbst Dinge entscheiden und selbst handeln kann. Sie war der Meinung: Hilfe ist in Ordnung, aber es muss auch Platz für den eigenen Willen da sein.

Sie widmete sich aber natürlich auch schönen Aspekten der Sexualität. Zu den Lieblingsthemen von Marie-Paule Molitor-Peffer zählte die Liebe. Sie hielt sie für überlebenswichtig. Für sie war selbstverständlich, dass alle Menschen ein Bedürfnis nach Liebe, Zärtlichkeit und Kommunikation haben. Sie unterstrich, dass Sex nicht nur dafür da ist, Babys zu machen. Sex war ihrer Meinung nach auch eine Möglichkeit, Liebe zu zeigen. Sexualität war ihrer Auffassung nach eine von vielen Formen, in denen diese Liebe kommuniziert werden kann.

Fußnote

1. Schroell, J., & Bruneau, C. (2017). Planning Familial Luxembourg : 50 ans de combats [Dokumentarfilm]. Dokumentarfilm auf YouTube ansehen (öffnet in neuem Fenster). Zurück zum Text

Titelseite des Bulletins N°6 „Gefühls- und Sexualleben“: Eine Braut im rosa Rüschenkleid legt den Arm um ihren Bräutigam im Rollstuhl, der ein buntes Blumen-Sakko trägt.

Mehr im Bulletin N°6

Dieser Artikel stammt aus dem Bulletin „Gefühls- und Sexualleben“ von Info-Handicap.
Darin geht es auch um Gewalt und Beeinträchtigung, sexuelle Gesundheit, Elternschaft und inklusive Begegnungen.