„1 cm“: Wenn jeder kleine Schritt alles verändert

6–9 Minuten
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Aufnahmesession mit Joanne Theisen und Maxime Toussaint © Gilles Kayser / Lëtzebuerger Journal

Hinter den Kulissen eines inklusiven Podcast mit Maxime Toussaint

„Menschen mit Beeinträchtigungen haben Kompetenzen. Es zu sagen ist das eine, aber man hört es oft genug. Mit „1 cm“ haben wir uns entschieden, es zu zeigen.“

„1 cm“ ist nicht nur ein Podcast, sondern ein menschliches, innovatives und barrierefreies Projekt. Er erkundet den Alltag von Menschen mit Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz – ihre Herausforderungen, Möglichkeiten und Erfolge. Man spricht nicht über Menschen mit Beeinträchtigungen, sondern mit ihnen. Laut Maxime kann ein Medium selbst eine Botschaft sein, und die Botschaft des Podcasts „1 cm“ ist klar: anderen eine Stimme geben, um Sichtweisen zu verändern.

Ein Erfahrungsbericht mit Maxime Toussaint, Verantwortlicher der Podcasts beim Lëtzebuerger Journal. Er erzählt uns von den Kulissen von „1 cm“.

In diesem Artikel:

Eine Idee, geboren aus einem ersten Erfolg

Für Maxime beginnt alles mit D’Hoffnungsdréier, einem ersten Podcast, der aus einer einjährigen Immersion, während den paralympischen Trainings hervorgegangen ist. Bei der er den Athleten über ein Jahr begleitet hat, bis hin zu Paris. Die Themen rund um Inklusion und Arbeit finden bei den Lesern vom Journal.lu großen Anklang. Der Wunsch, diese Themen zu vertiefen, ergab sich von selbst.

Mit Hilfe von Christine Zimmer, Direktorin von Info-Handicap – Conseil national des personnes handicapées, nahm die Idee eines zweiten Podcast allmählich Gestalt an. Das Ziel ist es, ein anderes Projekt zu entwickeln, das von Anfang an darauf ausgelegt ist, eine echte Wirkung zur erzielen.

Anstatt jede Episode nach einer Art von Beeinträchtigung zu strukturieren, entschied sich das Team, den Fokus nicht auf die Beeinträchtigung selbst zu legen, um Stigmatisierungen zu vermeiden. Ziel ist es, Lebenswege, Kompetenzen und Berufserfahrungen zu teilen, insbesondere durch die Realitäten von Arbeitnehmern, Selbstständigen oder Werkstätten der beruflichen Inklusion. Diese Situationen sind keineswegs außergewöhnlich, sie gehören zur Realität vieler Menschen.

Die Kulissen

Die zentrale Idee des Podcasts ist einfach: Schon 1 cm Fortschritt kann alles verändern, denn wenn jeder diesen kleinen Schritt macht, verändern wir gemeinsam die Dinge. Aus dieser Idee entstand der Titel des Podcasts: „1 cm“.

Maxime erinnert sich gut an das darauffolgende Treffen mit Christine: Als ich ihr das Konzept vorgestellt habe, hatte sie Sterne in den Augen, erzählt er. Sie verstand sofort die Intention und Tragweite des Projekts. Solche Momente sind großartig, sie zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Maxime erinnert sich gut an das darauffolgende Treffen mit Christine:

Als ich ihr das Konzept vorgestellt habe, hatte sie Sterne in den Augen“, erzählt er. Sie verstand sofort die Intention und Tragweite des Projekts. „Solche Momente sind großartig, sie zeigen uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

Ein Aufruf zur Teilnahme wurde in den sozialen Medien gestartet. Das Team traf diese Entscheidung, sich nicht nur an diejenigen zu wenden, die bereits öfters in den Medien waren. Sie wollten allen eine Stimme geben, auch denen, die es nicht gewohnt sind, sich zu äußern.

Von da an entwickelt Maxime das Projekt, übernimmt die Produktion und das Storytelling. Melody Hansen, Christian Block und Misch Pautsch, Journalisten beim Lëtzebuerger Journal, führen die Interviews und kümmern sich um die Recherchen.

Die Stimme hinter dem Mikrofon

Dann muss man die Off-Stimme finden, die alles verbindet, den Geschichten Sinn verleiht und das Publikum durch den gesamten Erzählfluss begleitet.

Der Name Joanne Theisen fällt oft in den Gesprächen. Maxime erzählt von seiner allerersten Lektion in diesem Abenteuer: Das erste Mal, als ich Joanne am Telefon hatte, stellte ich ihr das ganze Projekt in einem fünfminütigen Monolog vor. Als ich fertig war, hörte ich Joanne tief einatmen und sagen: ‚Okay, dann erkläre ich dir, wie ich funktioniere.’ An diesem Tag erklärte sie Maxime ihre spezifischen Bedürfnisse sowie die der Menschen mit Beeinträchtigungen.

Was das Publikum nicht weiß: Joanne selbst ist von einer unsichtbaren Beeinträchtigung betroffen.

Maxime erzählt von seiner allerersten Lektion in diesem Abenteuer:

Das erste Mal, als ich Joanne am Telefon hatte, stellte ich ihr das ganze Projekt in einem fünfminütigen Monolog vor. Als ich fertig war, hörte ich Joanne tief einatmen und sagen: ‚Okay, dann erkläre ich dir, wie ich funktioniere.’

Während der gesamten Serie entdecken die Zuhörer eine ruhige, präzise und selbstbewusste Stimme. Sie schätzen ihre Klarheit und Professionalität, ohne ihre Kompetenzen in Frage zu stellen. Erst in der letzten Episode offenbart sie ihre Realität, indem sie ein Porträt von sich selbst gibt.

Für diese letzte Episode lässt Maxime, ihr freie Hand. Indem sie den Podcast selbst abschließt, teilt sie eine starke Erkenntnis, die all das widerspiegelt, was zuvor geteilt wurde: Eine Beeinträchtigung, sichtbar oder unsichtbar, nimmt weder Fähigkeiten noch Entschlossenheit noch den Wert der Arbeit weg. Durch ihr persönliches Offenbaren am Ende der Serie verkörpert sie die Botschaft, die „1 cm“ von Anfang an trägt.

Innovation, ohne sie zu suchen

Von Beginn an war das Ziel, den Menschen in den Mittelpunkt des Podcasts zu stellen und ihre Lebenswege auf zugängliche Weise darzustellen. Diese Herangehensweise verleiht „1 cm“ auf mehreren Ebenen einen innovativen Charakter. Jede Episode des Podcasts ist in Form eines Artikels in einfacher Sprache auf Deutsch, Französisch und Englisch verfügbar.

Laut Maxime geht es im Podcast nicht nur darum, eine Geschichte zu erzählen. Er soll auch als Werkzeug konstruktiver Kritik dienen. Indem das Team bestimmte Themen behandelt, beleuchtet es Probleme oder manchmal unbequeme Realitäten. Doch bevor es ein Urteil fällt, stellte sich das Team eine entscheidende Frage: „Sind wir selbst in der Lage, es besser zu machen?“ Für das Team war es wichtig, nicht nur auf Probleme hinzuweisen, sondern selbst als Vorbild zu dienen. Durch diesen Podcast hat es daher versucht, die Veränderungen und Vorschläge, von denen es spricht, selbst zu verkörpern.

Diese Innovation zeigt sich auch im menschlichen Engagement. Das gesamte Team vom Journal.lu nahm an einer Sensibilisierungsweiterbildung zum Thema Begegnung, Interaktion und Kommunikation mit Menschen mit Beeinträchtigungen teil, die von Info-Handicap angeboten wurde.

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Joanne Theisen © Lex Kleren / Lëtzebuerger Journal

Das Team nimmt sich Zeit: zwei Stunden telefonischer Austausch mit einigen Teilnehmenden noch vor den Aufnahmen, eine sorgfältige Vorbereitung der Interviews, aufmerksames Begleiten jeder Stimme. „Man hat nie wirklich Zeit: wir entscheiden uns, sie zu nehmen. Das ist eine Entscheidung. Wir definieren unsere Prioritäten selbst“, erinnert Maxime. Der direkte Kontakt mit den Teilnehmenden steht im Zentrum dieses Ansatzes. Ihre Geschichten zuzuhören, ihr Vertrauen zu gewinnen und ihre Erfahrungen wertzuschätzen, ist essenziell.

Eine Arbeit, die belohnt wird

Natürlich hatte dieser Ansatz eine spürbare Wirkung. Nach jeder Episode schrieben zahlreiche Zuhörer, um ihre Wertschätzung zu teilen, Feedback zu geben und bestätigten, dass das Projekt die Menschen wirklich berührt hat.

Der Podcast stieß sowohl national als auch international auf große Resonanz. Am 10. März 2026 gewann er einen Preis, in der Kategorie „Online-Community“, beim Amnesty Mediepräis.

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Von links nach rechts:
Jang Kapgen, Joanne Theisen, Christian Block, Maxime Toussaint, Melody Hansen, Lourain Alhalabi und Misch Pautsch bei der Verleihung des Amnesty International Mediepräis
© Gilles Kayser /Lëtzebuerger Journal

Melody Hansen, Chefredakteurin des Lëtzebuerger Journal, erklärt, dass dieser Preis die Arbeit der letzten Monate würdigt, aber auch die Geschichten, die die Teilnehmenden geteilt haben. Für sie ist dieser Preis nicht nur eine Anerkennung für das Podcast-Team, sondern auch für alle, die dazu beigetragen haben. Maxime betont seinerseits, dass das schönste Kompliment, das sie erhalten haben, darin besteht, dass Menschen ihnen ihre Geschichten anvertraut haben und es ihnen so ermöglichten, Inhalte auf Grundlage dieser Erfahrungsberichte zu schaffen.

Zuhören, bevor man entscheidet

Maxime betont einen wichtigen Punkt: Legitimität entsteht nicht nur aus Willen oder guten Absichten. Er erklärt: Man kann die Dinge so gut machen, wie man will. Solange wir nicht wissen, was die Gemeinschaft der Menschen mit Beeinträchtigungen denkt, bleibt unser Verständnis unvollständig. Wir leben ihre Realität nicht jeden Tag.

Aus diesem Grund ließ Maxime, Joanne, bei der Off-Stimme frei agieren zum Beispiel, um ein Wort zu korrigieren oder Inhalte anzupassen, die sie für ungenau hielt. Er sagt: „Wenn sie sagt, es passt nicht, dann passt es nicht.“

Dieser Ansatz entspricht der Leitlinie von Info-Handicap: Nichts über uns ohne uns. Menschen mit Beeinträchtigungen stehen im Mittelpunkt der Podcast-Erstellung und sind aktive Akteure des Inhalts. Ziel ist es, eine authentische und inklusive Darstellung zu gewährleisten, in der jede Stimme zählt.

Indem der Podcast allen eine Stimme gibt – nicht nur Institutionen – beleuchtet der Podcast Lebenswege und Erfahrungen, die oft unsichtbar sind, wie die von Joanne Theisen, deren ruhige Stimme die Zuhörer bis zur letzten Episode begleitet hat. Das Projekt behandelt auch schwierige Themen und bleibt dabei trotzdem innovativ und zugänglich, sodass jede Stimme gehört und verstanden wird.

Um Dinge zu verändern, reicht manchmal ein Schritt nach dem anderen. Für Maxime, Joanne und das Team ist ihr Podcast genau dieser „1 cm“.

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