Gefühlsleben, Sexualität und Beeinträchtigung: Reden, Verstehen, Begleiten

Sexualpädagogisches Material von Elisabeth Handicap auf einem gelben Tisch: ein Ordner mit Illustrationen, Kondome, Verhütungsmittel, ein Schwangerschaftstest und Broschüren.
© Andreas Weist

Wie Fachleute in Luxemburg Menschen mit Beeinträchtigungen in ihrem Gefühls- und Sexualleben begleiten

Sie erfahren mehr über:

  • Einblicke aus der Praxis bei der Ligue HMC und bei Elisabeth Handicap,
  • Vorurteile und wie man sie abbaut,
  • Verhütung, sexuell übertragbare Infektionen und wo man sich in Luxemburg testen lassen kann.

Lesezeit: 8-10 Minuten

Das Gefühls- und Sexualleben ist ein wesentlicher Bestandteil der Entwicklung und Entfaltung jedes Menschen. Es umfasst weit mehr als nur die Sexualität im engeren Sinne: Es betrifft Emotionen, Beziehungen, das Selbstbild, die Einwilligung, den gegenseitigen Respekt und die Fähigkeit, aufgeklärte Entscheidungen zu treffen.

Zu lernen, die eigenen Emotionen zu verstehen und auszudrücken, respektvolle Beziehungen aufzubauen, Grenzen zu setzen oder „Nein“ zu sagen, bildet eine wesentliche Grundlage für die Entwicklung des Selbstvertrauens und für gesunde, erfüllende Beziehungen.

Dennoch ist dieses Grundrecht auf Information und Aufklärung für Menschen mit Beeinträchtigungen nicht immer vollständig gewährleistet. Ihr Gefühls- und Sexualleben ist noch allzu oft von Vorurteilen, Tabus oder Klischees geprägt.

Die Förderung einer inklusiven Sexualbildung bedeutet anzuerkennen, dass jeder Mensch das Recht hat, seinen Körper, seine Gefühle und seine Beziehungen zu verstehen. Es bedeutet auch, ihm zu ermöglichen, seine Selbstbestimmung auszuüben, eigene Entscheidungen zu treffen und sein Gefühls- und Sexualleben in Respekt, Würde und Sicherheit auszuleben.

Sexualbildung und Beeinträchtigung: Einblicke aus der Praxis in Luxemburg

Das Thema Gefühls- und Sexualleben anzusprechen, kann manchmal etwas heikel sein. Um den Bedürfnissen von Menschen mit Beeinträchtigungen gerecht zu werden, haben mehrere Einrichtungen in Luxemburg spezialisierte Dienste und Begleitangebote entwickelt.

Die Ligue HMC: Zuhören, Begleiten und Aufklären

Bei der Ligue HMC bietet der „Espace Famille“ Raum für alle Fragen, Unsicherheiten und Sorgen, die betroffene Menschen haben mögen. Es werden Einzelgespräche mit verschiedenen der Psychologin und der Pädagogin angeboten. Dieser Dienst steht auch Familienmitgliedern offen, um einen ganzheitlichen Ansatz zu fördern.

Darüber hinaus absolvieren die jungen Auszubildenden bei der Ligue HMC einen Pflichtkurs zum Thema Gefühls- und Sexualleben, in dem die Regeln des Zusammenlebens behandelt werden. Anhand von Zeichnungen, Spielen und verschiedenen pädagogischen Materialien werden diese Themen vorgestellt und mit den Teilnehmern diskutiert.

Die Psychologin Petya Georgieva berichtet, dass sie häufig das Ampelsystem einsetzt. Das Ampelsystem hilft dabei, das Thema Einwilligung zu verstehen, indem es drei Dimensionen unterscheidet: was ich denke (der Kopf), was ich fühle (das Herz) und was ich körperlich oder intim akzeptiere (die Genitalien). Damit eine Situation positiv und respektvoll erlebt wird, müssen alle drei „Ampeln“ auf Grün stehen. Wenn eine davon auf Gelb oder Rot steht, ist es wichtig, innezuhalten, darüber zu sprechen und die geäußerten Grenzen zu respektieren. So lernt jeder, seine eigenen Grenzen durchzusetzen und gleichzeitig die Grenzen anderer zu erkennen und zu respektieren.

Illustrierte Aufklärungsbücher und Arbeitsblätter liegen auf einem Tisch: Zeichnungen nackter Körper, Kinderbücher und ein Blatt mit einer farbigen Scheibe.
© Andreas Weist

Elisabeth Handicap: Ein geschultes Team für eine bessere Begleitung

Ein junger Mensch sitzt mit gefalteten Händen auf einem Sofa und spricht mit einer Frau, die ihm gegenüber sitzt.
© Vitaly Gariev / Unsplash

Nachdem jahrelang auf externe Fachkräfte zurückgegriffen wurde, hat sich die Leitung von Elisabeth Handicap dafür entschieden, intern Fachkompetenz aufzubauen, indem sie einige ihrer Mitarbeiter in Sexualpädagogik hat schulen lassen. Sie haben einen Zertifikatskurs beim „Institut für Sexualpädagogik“ in Deutschland belegt.

So begleitet ein Team aus Sexualpädagogen und Psychologen täglich die Bewohner, Betreuer, Bezugspersonen und Gruppenleiter.

Um dem Mangel an Wissen einiger Bewohner in Bezug auf das Gefühls-, Beziehungs- und Sexualleben entgegenzuwirken, wurde ein in sechs Module gegliedertes Weiterbildungsprogramm für junge Bewohner entwickelt. Der Erfolg war so groß, dass die Teilnehmer die Treffen über die Erstweiterbildung hinaus fortsetzen wollten. Nun finden monatliche Treffen statt, um diesen Raum für den Dialog aufrechtzuerhalten.

Für Andreas Weist, Sexualpädagoge, bieten die Gruppensitzungen den Bewohnern die Möglichkeit, sich über ihre Erfahrungen auszutauschen, gegenseitiges Verständnis zu entwickeln und über ihre Reaktionen in verschiedenen Situationen nachzudenken. Seiner Meinung nach drehen sich die Fragen selten um Geschlechtsverkehr, sondern betreffen meist emotionale Beziehungen, Freundschaft, Begegnungen und den Aufbau sozialer Kontakte.

Das Team von Elisabeth Handicap nutzt häufig Lehrmaterialien, darunter visuelle Hilfsmittel und Videos, die sich explizit mit dem Thema Beeinträchtigung sowie mit der Vielfalt emotionaler, romantischer und sexueller Beziehungen befassen.

Die Fachkräfte gehen auch auf Fragen ein, die sich auf Folgendes beziehen:

  • Verhütung,
  • Prävention sexuell übertragbarer Infektionen,
  • Verhaltensweisen für ein respektvolles und sicheres Sexualleben,
  • angemessene Reaktionen in Situationen von Gewalt oder sexuellen Übergriffen.

Die Arbeit der Sexualpädagogen besteht zudem darin, den Bewohnern dabei zu helfen, ein positives Körperbild zu entwickeln, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und die Wichtigkeit ihrer Intimität und ihres Gefühlslebens anzuerkennen.

In diesem Zusammenhang sind das Verständnis von Einwilligung – die frei, aufgeklärt und gegenseitig sein muss – sowie das Fehlen jeglicher Form von Machtverhältnissen grundlegende Prinzipien.

Andreas Weist betont, wie wichtig es ist, jedes Thema ehrlich und transparent anzusprechen, insbesondere solche, die mit dem Wunsch nach einer Familie oder nach Kindern zusammenhängen und oft viele Fragen aufwerfen.

Schließlich stellt die Bereitstellung eines privaten, intimen und sicheren Raums eine wesentliche Stütze für das emotionale und sexuelle Wohlbefinden der Bewohner dar.

Vorurteile abbauen: eine freie und respektierte Sexualität fördern

In einem Park schiebt eine Frau einen jungen Mann im Rollstuhl, der einen rosa Kapuzenpullover trägt; beide lächeln.
© SHVETS production / Pexels

Alle Fachleute sind sich in einem Punkt einig: Sexualität muss ein Thema sein, über das offen und ohne Tabus gesprochen werden kann. Die Einrichtungen, die Bewohner aufnehmen, nehmen eine offene Haltung gegenüber Sexualität ein, die dort nicht verboten ist.

Dennoch hält sich in der Gesellschaft standhaft das Vorurteil, dass Beeinträchtigung und Sexualität unvereinbar seien. Wie Claudine Nosbusch und Petya Georgieva von der Ligue HMC sagen:

Die Gesellschaft denkt manchmal, dass Menschen mit Beeinträchtigungen kein Bedürfnis haben, ihre Sexualität auszuleben. Umgekehrt kann sie auch glauben, dass den Betroffenen in diesem Bereich die Kontrolle fehlt und dass Sexualität ein Problem darstellt.

Andreas Weist bekräftigt zudem:

Grundsätzlich wird den Menschen mit Beeinträchtigungen häufig ihre Sexualität entweder abgesprochen oder sie wird als potenzielle Problemquelle wahrgenommen. Aus diesem Dilemma müssen wir uns befreien und die Sexualität als Grundbedürfnis aller Menschen anerkennen.

Diese falschen Vorstellungen und diese Tendenz zur Infantilisierung zeigen, dass Menschen mit Beeinträchtigungen nach wie vor allzu oft mit Vorurteilen konfrontiert sind, insbesondere was ihr Gefühls- und Sexualleben betrifft.

Sie haben dieselben Wünsche und Rechte wie jeder andere Mensch, einen Partner zu finden und ein erfülltes Gefühlsleben zu führen. Fachleute betonen, dass es sehr wichtig ist, dieses Thema nicht allein auf die Dimension des Geschlechtsverkehrs zu reduzieren, sondern zu verstehen, dass es in erster Linie um grundlegende Bedürfnisse geht: zwischenmenschliche Beziehungen, Nähe, Intimität und Liebe.

Eine Botschaft, die von den Einrichtungen oft vermittelt wird, ist, wie wichtig es ist, die Fähigkeit von Menschen mit Beeinträchtigungen anzuerkennen, ihre Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse zum Ausdruck zu bringen. Dies bedeutet, ihnen eine aktive Rolle bei den Entscheidungen, die sie betreffen, einzuräumen und ihnen eine auf ihre Wünsche abgestimmte Begleitung anzubieten.

Nahaufnahme einer Hand, die ein Kondom in silberner Verpackung hält; eine andere Person ist unscharf im Hintergrund.
© Sasun Bughdaryan / Unsplash

Aufklärung zur sexuellen Gesundheit: Verhütung und sexuell übertragbare Infektionen (STI)

Die Wahl eines geeigneten Verhütungsmittels, das Verständnis dafür, wie sexuell übertragbare Infektionen (STI) verhindert werden können, sowie das Wissen um die Bedeutung von Einwilligung und Vorsorgeuntersuchungen (Screenings) sind Teil einer umfassenden Sexualbildung.

Die Vielfalt der verfügbaren Mittel ermöglicht es jedem, die für ihn am besten geeignete zu finden – vorausgesetzt, die Person ist vollkommen informiert.

Verhütung

Verhütung umfasst alle Methoden, die von einer Person bewusst angewendet werden, um eine Schwangerschaft zu vermeiden. Einige schützen auch vor sexuell übertragbaren Infektionen (STI).Fußnote 1

Unter den vorhandenen Verhütungsmitteln unterscheidet man folgende Formen:

  • Hormonelle Verhütung: Pille, Hormonimplantat, Vaginalring, Hormonspirale, Hormonpflaster, Dreimonatsspritze.
  • Hormonfreie Verhütung: Männliches Kondom, Kupferspirale, Weibliches Kondom, Diaphragma, Portiokappe, Spermizid.
  • Irreversible Verhütung: Vasektomie (männliche Sterilisation), Eileiterligatur (weibliche Sterilisation).
  • Natürliche Verhütung, bei der ungeschützter Geschlechtsverkehr in den Zeiträumen vermieden wird, in denen eine Schwangerschaft wahrscheinlich ist.
  • Notfallverhütung: Notfallverhütung mit der Kupferspirale, Notfallpille.

Für Personen, die der CNS angehören, sind die meisten Verhütungsmittel in Luxemburg kostenlos.

Es ist wichtig anzumerken, dass jeder Mensch mit Beeinträchtigungen selbst über seine Verhütung entscheiden muss. Eine Zwangssterilisation verstößt völlig gegen die Grundsätze der UN-Behindertenrechtskonvention.

Sexuell übertragbare Infektionen (STI): Früherkennung in Luxemburg

Jede sexuell aktive Person kann im Laufe ihres Lebens mit einer sexuell übertragbaren Infektion in Kontakt kommen. STI betreffen jeden und jede, und können in jedem Alter übertragen werden. Sie werden durch Bakterien, Viren, Parasiten oder Pilze verursacht und durch ungeschützten oder schlecht geschützten Geschlechtsverkehr übertragen. Die meisten STI sind symptomlos, weshalb regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen wichtig sind.

An einigen Orten in Luxemburg besteht die Möglichkeit, sich kostenlos testen zu lassen.

Schnelle, kostenlose und anonyme Tests

  • HIV-Berodung der Croix-Rouge luxembourgeoise
  • Centre LGBTIQ+ CIGALE
  • DIMPS – Mobile HIV-Testing

Kostenlose, anonyme Blutuntersuchung ohne ärztliche Verschreibung

  • Centre Hospitalier de Luxembourg
  • Laboratoire national de Santé
  • Centre Hospitalier Emile Mayrisch

Ärztlich verschriebene (nicht anonyme) Screenings

  • Laboratoires Ketterthill
  • Centres Picken Doheem
  • Laboratoires Bionext LAB
  • Laboratoires Réunis

Wie kann man sich testen lassen?

Die Untersuchung auf sexuell übertragbare Infektionen beginnt oft mit einer Blutentnahme. Für bestimmte Infektionen können jedoch weitere Untersuchungen erforderlich sein, wie beispielsweise eine Urinprobe, ein Abstrich oder eine visuelle Untersuchung der Genitalien. Wird eine sexuell übertragbare Infektion diagnostiziert, können in der Regel geeignete Behandlungen eingeleitet werden. Eine frühzeitige Behandlung verringert das Risiko von Komplikationen, begrenzt die Übertragung der Infektion und bewahrt die Fruchtbarkeit.Fußnote 2

Nahaufnahme: zwei Menschen halten sich im Freien an der Hand.
© Sdf Rahbar / Unsplash

Schlusswort

Das Gefühls- und Sexualleben beschränkt sich nicht auf den Geschlechtsverkehr, sondern umfasst Emotionen, zwischenmenschliche Beziehungen, die Geschlechtsidentität und Intimität.

Die in Luxemburg entwickelten Initiativen zeigen, dass es möglich ist, das Gefühls- und Sexualleben von Menschen mit Beeinträchtigungen offen, respektvoll und passend anzugehen. Sie tragen dazu bei, die Selbstständigkeit, das Selbstvertrauen und die Fähigkeit jedes Einzelnen zu stärken, aufgeklärte Entscheidungen zu treffen.

Emotionale und sexuelle Gesundheit bedeutet, die eigene Sexualität zu pflegen, aber auch Zugang zu einer umfassenden, angepassten und inklusiven Sexualbildung zu haben. Diese Voraussetzung ist unerlässlich, damit jeder seine Rechte verstehen, seine Bedürfnisse äußern, respektvolle Beziehungen aufbauen und seine Intimität in völliger Sicherheit leben kann.

Die Schaffung und Umsetzung eines rechtlichen Rahmens für sexuelle Assistenz sind erforderlich, damit jeder Mensch mit Beeinträchtigungen sein Gefühls- und Sexualleben sicher und auf legale Weise ausleben kann.

Die eigentliche Herausforderung besteht heute darin, den Wandel der Mentalitäten weiter voranzutreiben, damit Menschen mit Beeinträchtigungen ihr Recht auf ein selbstbestimmtes Gefühls- und Sexualleben uneingeschränkt ausüben können. Auch wenn sich die Sichtweisen allmählich ändern, bestehen nach wie vor Vorurteile und Vorbehalte. Zukünftige Fortschritte sollten besonders eine bessere Anerkennung ihrer Wünsche, ihrer Entscheidungsfähigkeit und ihres Rechts auf den Aufbau von Beziehungen, die ihren Vorstellungen entsprechen, beinhalten. Eine vollständig inklusive Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die diese Rechte anerkennt und unterstützt und dabei die Vielfalt der Lebenswege und Bedürfnisse jedes Einzelnen berücksichtigt.

Fußnoten

1. Definition der Broschüre „mengverhuetung.lu“: mengverhuetung.lu/ressourcen (öffnet in neuem Fenster). Zurück zum Text

2. Ministère de la Santé et de la Sécurité sociale: Ratgeber zu sexuell übertragbaren Infektionen 2025. Zurück zum Text

Titelseite des Bulletins N°6 „Gefühls- und Sexualleben“: Eine Braut im rosa Rüschenkleid legt den Arm um ihren Bräutigam im Rollstuhl, der ein buntes Blumen-Sakko trägt.

Mehr im Bulletin N°6

Dieser Artikel stammt aus dem Bulletin „Gefühls- und Sexualleben“ von Info-Handicap.
Darin geht es auch um Gewalt und Beeinträchtigung, sexuelle Gesundheit, Elternschaft und inklusive Begegnungen.